Schule

Wenn Kinder und jugendliche an Krebs erkranken können sie häufig für eine längere Zeit nicht regelmäßig in ihre normale Schule, der Heimatschule gehen. Grund sind die Krankenhausaufenthalte, aber auch das Infektionsrisiko, also die Gefahr, dass sich die krebskranken Kinder bei anderen Kindern zum Beispiel mit Schnupfen anstecken. Deshalb gibt es eine besondere Schule, die Schule für Kranke. Im Krankenhaus werden Kinder und Jugendliche, die im Augenblick nicht in ihre eigentliche Schule gehen können von Lehrern unterrichtet. In dieser Schule werden aber nicht nur krebskranke Kinder und Jugendliche unterrichtet, sondern alle Schülerinnen und Schüler, die derzeit im Krankenhaus stationär oder ambulant behandelt werden.

Unterrichtet wird nicht nur in den Klassenräumen, die sich auf dem Klinikgelände befinden, sondern auch auf den Stationen des Krankenhauses und in den umliegenden Kliniken. Unterricht gibt es in den Fächern Deutsch, Mathe, Englisch, Französisch und in noch vielen anderen üblichen Fächern. Der Unterricht wird ganz individuell gestaltet. Das heißt, der Unterricht wird vom Tempo und vom Umfang ganz auf dich und was du lernen sollst, abgestimmt. Um zu wissen, was deine Klasse gerade in den einzelnen Fächern durchnimmt, hält die für dich zuständige Lehrkraft der besonderen Schule engen Kontakt zu deinem Klassenlehrer/ deiner Klassenlehrerin. Damit wird sichergestellt, dass du den Anschluss an deine Klasse nicht verlierst.

Auch so kann Unterricht aussehen

Der Schulalltag in dieser besonderen Schule unterscheidet sich manchmal von einem normalen Schultag. Für die onkologischen Schülerinnen und Schüler gibt es keine festen "Schulzeiten", da bei einem Unterricht in einer Klasse die Infektionsgefahr für sie zu groß wäre. Daher kommen die Lehrerinnen und Lehrer zu euch auf eure Station. Die Lehrerinnen und Lehrer legen großen Wert darauf, euch das selbstständige Lernen mit allen Sinnen beizubringen. Deshalb wird der Unterricht auch häufig computergestützt gestaltet.

Auch so kann Unterricht aussehen

Nach dem Unterricht bietet die Krankenhaus-Schule auch noch häufig weitere Aktivitäten an, die sogenannten Arbeitsgemeinschaften (AGs). Hier kann man z.B. fotografieren, kreativ schreiben, trommeln oder auch technische Dinge ausprobieren. Außerdem gibt es oftmals besondere Aktionstage (Lesungen, Arbeit in der Druckwerkstatt, Besuch von Museen). Aber damit ist die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer der Krankenhaus-Schule noch nicht zur Ende. Sie helfen dir auch bei deiner "schulischen Nachsorge". Dies umfasst sowohl einen möglichen Hausunterricht, als auch die Wiedereingliederung in deine alte Schulklasse.

Auch so kann Unterricht aussehen

Bei einem Hausunterricht kommt eine Lehrerin oder ein Lehrer zu dir nach Hause und unterrichtet dich dort. Häufig sind diese Lehrkräfte von deiner Schule und können dich so optimal betreuen. Die Lehrerinnen und Lehrer der Krankenhaus-Schule betreuen aber auch deinen Wiedereinstieg in deine alte Schule. Sie sind dein Ansprechpartner und der deiner Eltern, wenn es dabei zu Problemen jedweder Art kommen sollte. Sie werden dann versuchen, mit dir, deinen Eltern und deinen Klassenlehrern eine angemessene Lösung zu finden. Alles in allem kann man sagen: hier in der Schule für Kranke ist: Schule mehr als nur Unterricht!

Interview

Frau Abbenhaus (Schulleiterin der Helen-Keller-Schule)

Liebe Frau Abbenhaus, Sie leiten die Schule für Kranke. Durch ihre Schule erhalten auch Schüler mit onkologischen Erkrankungen die Möglichkeit, an einem besonderen Unterricht teilzunehmen. Wie erhält ein erkrankter Schüler Unterricht?

In der Regel benennen die Ärzte der Stationen die Schüler, die Unterricht erhalten sollen. Die Stationen haben zudem zwei nur für die Onkologie zuständige Lehrkräfte der Helen-Keller-Schule als Ansprechpartner, die Unterrichtswünsche der Eltern und Schüler aufnehmen. So ist ein qualifizierter Unterricht für die Klassen 1-13 von der Förderschule bis zum Berufskolleg gewährleistet.

Wie viele Lehrer arbeiten auf den onkologischen Stationen und welche Fächer werden unterrichtet?

Es gibt eine Lehrerin und einen Lehrer, die jeden Tag von morgens bis nachmittags nur auf den onkologischen Stationen arbeiten. Diese beiden Lehrer sprechen weitere Kollegen der Helen-Keller-Schule, je nach Schulform, Fach und Klasse, an. Es wird versucht möglichst alle Fächer bzw. die relevanten Bereiche, die in den Heimatschulen unterrichtet werden abzudecken.

Wie oft werden die Schüler unterrichtet?

Je nachdem wie viele Schüler behandelt werden, findet in der Regel täglich Unterricht statt. Die Schüler werden selbstverständlich je nach gesundheitlichem Zustand unterrichtet. Somit können die Unterrichtshäufigkeit und die Unterrichtszeit variieren. Es gibt Schüler, die täglich Unterricht erhalten und wiederum andere, die weniger oft unterrichtet werden können. Es wird aber dann versucht, Lernmaterialien vorzubereiten, die auch vollständig bearbeitet werden können.

Viele Kinder haben Angst, die Versetzung nicht zu schaffen, ist diese Angst berechtigt?

Unsere Lehrer versuchen bestmöglich den Anschluss an den Unterrichtsstoff der Heimatschule zu halten. Alle sind bemüht viel zu tun, dass ein Schüler die Versetzung schafft. Wichtig neben dem Unterricht in der Krankenhaus-Schule ist der Hausunterricht in den Zeiten zwischen den stationären Aufenthalten. Dieser soll durch die Heimatschulen organisiert werden. Die Schule bietet den Eltern Unterstützung bei der Beantragung des Hausunterrichtes an. Sollte ein Schüler so schwer erkrankt sein, dass Unterricht kaum oder nicht möglich ist, kann es schon vorkommen, dass die Versetzung nicht geschafft wird. Wichtig ist aber sich zu verdeutlichen, dass an erster Stelle natürlich die Gesundheit des Schülers steht. Bei einigen kann es sinnvoll sein, sie in Absprache mit der Heimatschule probeweise versetzen zu lassen.

Liebe Frau Haacke, Sie arbeiten als Lehrerin in der Schule für Kranke, können Sie uns einen Einblick in Ihren Arbeitsalltag geben?

Frau Haacke (Lehrerin der Helen-Keller-Schule)

Mein Arbeitsalltag beginnt ca. um 7.20 Uhr. Ich führe in den frühen Morgenstunden Gespräche mit den Kollegen der Heimatschulen meiner Schüler und mit vereinzelten Stationen. Danach kopiere ich noch diverse Aufgabenstellungen. Um 8.15 Uhr beginnt der Unterricht für alle Schüler, die zu mir in die Klasse kommen können. In der Regel kommen zwischen 4-8 Schüler mit psychischen oder/und körperlichen Erkrankungen. Ich unterrichte die Klassen 7 und 8 und es werden fast alle Fächer unterrichtet. Um 11.45 endet der Klassenunterricht. Danach finden mehrmals in der Woche Besprechungen mit Therapeuten statt. Nach einer Pause beginnt der Unterricht auf den Stationen oder auf der KMT. Ich unterrichte dort alle Schüler, die nicht zu uns in die Schule kommen können. In der Regel findet dann Einzelunterricht am Bett statt. Der Unterricht wird ganz nach den Bedürfnissen und nach dem gesundheitlichen Zustand der Schüler abgestimmt. So kann eine Unterrichtsstunde 45 Minuten, oder auch nur 15 Minuten dauern. Gegen 15.30 Uhr endet in der Regel meine Arbeit in der Schule. Zu Hause bereite ich den Unterricht vor und schreibe Berichte über die Schüler.

Wie wissen Sie, was die Schüler gerade in den Heimatschulen durchnehmen? Besteht ein häufiger Kontakt zwischen Ihnen und der Heimatschule?

Der Kontakt zwischen der Heimatschule und der Schule für Kranke hat für meine Kollegen und mich oberste Priorität. Schließlich wollen wir versuchen, einen schulischen Anschluss, zumindest ansatzweise, zu gewährleisten. Sobald ein Schüler neu aufgenommen wird, werden Unterrichtsinhalte mit der Lehrkraft der Heimatschule abgesprochen, relevante Arbeitsblätter oder auch Klassenarbeiten ausgetauscht. Kooperationen zwischen Heimatschullehrer und uns finden kontinuierlich, auch während des Klinikaufenthaltes, statt. Berichte mit Lerninhalten und Notenvorschlägen werden den Heimatschulen zugesandt. Somit wissen die Heimatschulen, dass die Schüler trotz ihrer Erkrankung Unterricht erhalten haben und werden gebeten, Zeugnisse auszustellen.

Wie finden Sie es, Schüler auf den onkologischen Stationen zu unterrichten?

Die Arbeit auf den Stationen stellt jeden Tag eine neue Herausforderung für mich dar, weil jeder Schüler ganz unterschiedlich ist und individuelle Stärken hat. Für jeden Schüler stelle ich das Unterrichtsmaterial individuell zusammen. Toll finde ich, welch große Lernfortschritte einige Schüler, trotz ihrer Krankheit, immer wieder machen. Geht es einer Schülerin oder einem Schüler sehr schlecht und möchte er einfach nur reden, bin ich für den Schüler da, spreche mit ihm über sein Befinden, seine Gedanken und komme am nächsten Tag wieder. Wir unterrichten die Schülerinnen und Schüler so lange, bis sie nicht mehr in der Uniklinik behandelt werden. Somit bauen wir natürlich auch intensive Lehrer-Schüler Beziehungen auf. Wir freuen uns mit unseren Schülern über jeden Erfolg, egal ob es ein medizinischer oder ein schulischer ist. Kurz gefasst: ich finde es ganz toll auf den onkologischen Stationen zu arbeiten. Es ist eine große Aufgabe, aber auch eine ebenso große Bereicherung.

Gibt es noch Tipps, die Sie erkrankten Schülern mit auf den Weg geben können?

Ja, habt keine Angst vor dem Unterricht und der Schule im Krankenhaus! Meine Kollegen, Kolleginnen und ich versuchen euch neben dem Unterricht aufzumuntern und haben immer Verständnis, wenn es euch einmal nicht so gut geht. Natürlich berücksichtigen wir auch gerne eure Unterrichtswünsche. Ebenfalls wird die Krankheit durch den Unterricht ein wenig in den Hintergrund gerückt, und das gibt vielen von euch ein Stück des normalen Alltags wieder. Macht euch immer wieder bewusst, dass ihr viele Menschen an eurer Seite habt, die immer für euch da sind, egal wie es euch geht. Dieser Gedanke kann vielleicht etwas Mut machen.

Frau Abbenhaus und Frau Haacke, ich danke Ihnen herzlich für das Interview!