Die Knochenmarkstransplantation (KMT)

Im Knochenmark findet man die wichtigen Blutstammzellen. Sie bilden die Elemente des Blutes: die weißen Blutkörperchen (Leukozyten), die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) und die Bluttplättchen (Thrombozyten).

Wenn das Knochenmark erkrankt ist, zum Beispiel bei einer Leukämie, möchte man das erkrankte Knochenmark durch ein neues, gesundes ersetzen. Eine solche Knochenmarkstransplantation hat zwei Funktionen. Zum einen wird durch eine sehr anstrengende Vorbereitung, die aus Chemotherapie und / oder Bestrahlung besteht, das Knochenmark des Patienten komplett zerstört, und damit auch die bösartigen Krebszellen. Ist doch eine bösartige Zelle der Therapie entgangen, wird diese durch das neue, das transplantierte Knochenmark eliminiert, weil durch das neue, übertragene Knochenmark neue, starke Abwehrzellen gebildet werden.

Bei der Knochenmarkstransplantation werden zwei Arten unterschieden: die allogene und autologe Knochenmarkstransplantation. Allogen bedeutet, dass man das Knochenmark eines anderen Menschen übertragen bekommt. Autolog bedeutet, dass man seine eigenen vorher entnommenen Blutstammzellen zurück bekommt (Retransfusion). Eine autologe Knochenmarkstransplantation ist allerdings nur in Ausnahmefällen und in besonderen Situationen möglich!

 Transplantat-gegen-Wirt Reaktion

Bei der allogenen Transplantation, also dem Übertragen von fremden Blutstammzellen auf den Patienten, muss eine lebenswichtige Voraussetzung erfüllt werden: Gewebemerkmale, die sich auf jeder Zelle befinden, sollten von Spender und Empfänger möglichst gleich sein. Diese Gewebemerkmale gehören zum humanen Leukozyten-.Antigen-System (HLA-System). Diese Merkmale ermöglichen dem Körper eine Unterscheidung zwischen körpereigenen Zellen und körperfremden Zellen. Der Körper versucht alle Zellen zu zerstören, die körperfremde Gewebemerkmale tragen. Um zu vermeiden, dass die transplantierten neuen Blutstammzellen eliminiert werden, muss man also eine möglichst große Übereinstimmung zwischen Spender- und Empfängerzellen haben. Da Gewebemerkmale vererbet werden, ist eine größtmögliche Übereinstimmung zwischen Geschwistern am wahrscheinlichsten. Aber auch, wenn man keine Geschwister hat, kann man in 70 % der Fälle mit einem geeigneten Spender in 3 - 6 Monaten rechnen.

Spender

Heutzutage werden die benötigten Stammzellen ohne Operation oder Narkose vom Spender gewonnen. Der Spender bekommt Tage vor der Spende ein Medikament, das die weißen Blutstammzellen aus dem Knochenmark in die Blutbahn lockt. Dann werden mit Hilfe einer Maschine aus der Blutbahn die weißen Blutkörperchen herausgefiltert, die roten Blutkörperchen und die Blutplättchen dem Spender aber wieder zurückgegeben. Den Vorgang nennt man Leukapherese.

Evaluation / Vorbereitung

Ist ein passender Knochenmarkspender gefunden, beginnt die Zeit der Vorbereitung, die man auch Evaluation nennt. In dieser Zeit werden verschiedene Untersuchungen gemacht. So wird festgestellt, ob alle Organe, also Herz, Nieren, Leber und Lunge gut genug für eine Transplantation funktionieren. Außerdem müssen alle versteckten Infektionen, also Entzündungen gefunden werden. Daher ist auch ein Besuch bei einem Zahnarzt und einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt Pflicht. Außerdem bekommen Kinder und Jugendliche in der Zeit einen Katheter eingesetzt, der unter die Haut implantiert wird. Dieser Katheter ist wichtig, um die vielen Infusionen problemlos zu verabreichen und auch um täglich Blut abzunehmen, ohne immer wieder stechen zu müssen. Natürlich werden auch die Chemotherapie und die Blutstammzellen über diesen Zugang gegeben.

Bevor der lange Krankenhausaufenthalt beginnt, müssen du und deine Eltern viele Dinge überlegen. Soll ein Elternteil in der Klinik wohnen? Wo verbringt dein Geschwisterkind die Zeit, während du im Krankenhaus bist? Wer kann euch helfen? Diese und noch viel mehr Fragen bespricht deine Familie am besten mit dem psycho-sozialem Team. Sie können helfen, zum Beispiel eine Haushaltshilfe für den Zeitraum zu organisieren oder auch eine Wohnung in der Nähe der Klinik zu finden, die extra für Eltern betroffener Kinder bereit gestellt wird.

Bevor es ernst wird, sollte auch immer ein Besuch auf der Station für Knochenmarktransplantierte erfolgen. Hier kann man sehen, wie die Zimmer ausgestattet sind, mit welchen Schwestern, Pflegern und Ärzten man Kontakt hat und Tipps und Tricks erfahren, wie man die Zeit in der KMT am besten übersteht.

Steht nun die Einweisung auf die KMT-Station bevor, ist es wichtig, genau zu überlegen, welche Dinge du mitnehmen darfst und worauf du verzichten musst.

Unbedingt einpacken solltest du Kleidung, in der du dich wohl fühlst. Leggings, T-Shirts und ein Jogginganzug aus Baumwolle haben sich gut bewährt. Deine Lieblingskleidung solltest du allerdings zu Hause lassen, da sie durch das häufige Waschen und sterilisieren kaputt gehen könnte. Filz- oder Plüschpantoffeln sind nicht erlaubt, stattdessen kannst du Badelatschen oder Plastiksandalen tragen. Wichtig ist es außerdem, eine neue weiche Zahnbürste und Zahnpasta einzupacken. Auch ein Nagelset sollte nicht fehlen.

Um das Zimmer, dass du bekommst wohnlich einzurichten, kannst du Fotos und neue Poster mitnehmen und dort aufhängen. Auch viele Spielsachen verschönern deinen Aufenthalt. Wichtig ist dabei, dass sich alle Dinge gut desinfizieren lassen, also von Keimen (Bakterien und Viren) befreit werden. Gut eignen sich zum Beispiel Lego, Playmobil oder neue Puzzle.

Aber auch hier muss man daran denken, dass diese Dinge unter dem häufigen Desinfizieren leiden können und schon bald nicht mehr so schön aussehen, wie zu Beginn.

Aufnahme auf die Station

Jetzt ist es wirklich soweit, die Aufnahme auf die KMT-Station erfolgt. Es beginnt die Konditionierungsphase. Die Konditionierung ist die Gabe einer Chemotherapie und / oder Bestrahlung, die nicht nur die bösartigen Zellen bekämpft, sonder auch das Abwehrsystem des Körpers komplett zerstört.

So soll eine Abstoßung des neuen, transplantierten Knochenmarks verhindert werden. Die Konditionierungsphase dauert meist zwischen fünf und acht Tagen. Während dieser anstrengenden Zeit wird der Patient permanent, also ständig mit Infusionsflüssigkeit versorgt, die über den Katheter einläuft. Während dieser Zeit ist es auch wichtig aufzuschreiben, wie viel man pinkelt. So weiß man genau, wie viel Flüssigkeit im Körper verblieben ist. Diese Kontrolle nennt man Bilanzierung.

Um jede mögliche Komplikation der starken Chemotherapie oder Bestrahlung schon frühzeitig zu erkennen, wird während der Konditionierung die Herzfrequenz, die Atmung und der Sauerstoffgehalt im Blut überwacht. Während dieser Phase musst du die Zeit in deinem Zimmer verbringen: das heißt Isolierung. Die Isolierung beginnt mit dem ersten Tag der Chemotherapie und endet am Tag nach der Transplantation, also wenn die Leukozyten den dritten Tag über 1000 / µl angestiegen sind.

Während dieser Phase betritt das KMT-Personal dein Zimmer nur mit Mundschutz, in manchen Fällen auch zusätzlich mit Haube und Kittel. Natürlich ist auch Besuch auf einer KMT-Station erlaubt. Der Besuch muss sich aber die so genannte Bereichskleidung anziehen und sich gründlich die Hände waschen und desinfizieren. Falls sich ein Besucher krank fühlt, darf er leider nicht auf die Station, da jeder Krankheitserreger für die KMT-Patienten lebensgefährlich sein kann. Aus diesem Grund dürfen Kinder auch erst nach einer ärztlichen Untersuchung auf die Station. Außerdem soll man Körperkontakt, also z. B. Umarmungen, Küsse und Hände schütteln vermeiden. Kuscheln mit den Eltern ist aber natürlich erlaubt!

Transplantation

Die anstrengende Zeit der Vorbereitung ist nun vorbei. Der große Tag ist gekommen: die Transplantation! Die vom Spender gesammelten Blutstammzellen werden nun dem krebskranken Kind oder Jugendlichem übertragen.

Über den Katheter läuft die Übertragung. Währenddessen wird der Patient die ganze Zeit mit Hilfe von verschiedenen Monitoren überwacht. Es werden ständig der Puls, der Blutdruck und die Höhe des Sauerstoffes im Blut gemessen. Mit Hilfe von Medikamenten wird eine frühe allergische Reaktion verhindert.

Nachdem die Blutstammzellen übertragen wurden, finden sie ihren Weg in den leeren Raum des Knochenmarks. Dort nisten sie sich ein und entwickeln innerhalb von zwei bis drei Wochen ein funktionierendes Blutsystem.

Bis dahin befindet sich der Patient im so genannten Zelltief. Diese Phase wird auch Aplasiephase genannt. Im Zelltief sinken aufgrund der Chemotherapie alle Blutzellen, also die weißen Blutkörperchen (Leukozyten) aber auch die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) und die Blutplättchen (Thrombozyten). Das heißt leider, dass das Immunsystem, also das Abwehrsystem des Körpers nicht mehr funktioniert. Bakterien, Viren und Pilze machen jetzt dem Patienten zu schaffen.

Zelltief

Und obwohl man versucht, den Ausbruch von Infektionen durch vorbeugende Medikamentengabe, zum Beispiel Antibiotika, zu verhindern, kommt es häufig zu Fieber. Oft entstehen starke Entzündungen an den Schleimhäuten im Mund und in der Speiseröhre. Das Essen, Schlucken und Sprechen fällt in dieser Zeit sehr schwer. Daher wird in dieser Zeit Flüssigkeit und Nahrung per Infusion, also durch den Tropf gegeben. In der Zeit des Zelltiefs kann es auch dazu kommen, dass der Körper zuwenig rote Blutkörperchen (Erythrozyten) bildet. Daher bekommt der Patient bei geringem Hb-Wert, also geringem Erythrozytenanteil, fremde Erythrozyten, die vorher gespendet wurden. Auch Thrombozyten (Bluttplättchen) müssen eventuell übertragen werden, damit die Blutungsgefahr nicht zu groß ist.

Nach ungefähr zwei bis drei Wochen ist das Zelltief vorbei. Das neue Knochenmark bildet wieder alle benötigten Zellen. Am langsamsten werden die Blutplättchen nachgebildet. Wenn die Leukozyten, die weißen Blutkörperchen länger als drei Tage über 1000/ µl gestiegen sind, kann die Isolation beendet werden.

Nun darf der Patient mit Mundschutz sein Isolierzimmer verlassen.

Sobald die Zellen wieder in genügendem Maße gebildet werden können, beginnt die Erholungsphase. In dieser Zeit müssen die kleinen und großen Patienten wieder lernen zu Essen und zu Trinken. Besonders das Trinken ist sehr wichtig, um die Nieren gut durchzuspülen und die Belastung durch die vielen Medikamente zu senken.

Wenn die KMT-Kinder wieder Essen und Trinken können und alle notwendigen Medikamente als Tablette oder Saft einnehmen können, dürfen sie nach Hause. Es ist allerdings wichtig auch zu Hause auf eine keimarme Ernährung zu achten, um eine Infektion zu vermeiden. Außerdem muss draußen ein Mundschutz getragen werden, um sich auch dort vor Bakterien, Viren und Pilzen zu schützen.

Transplantat-gegen-Wirt Reaktion

Eine so schwere Therapie wie eine Knochenmarkstransplantation kann natürlich auch Nebenwirkungen machen. Hier ist vor allem die Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion zu nennen, die auch unter dem Namen Graft-versus-host Disease bekannt ist (GvHD).

Der Arzt unterscheidet zwei Formen dieser Erkrankung: die akute GvHD, die innerhalb von 100 Tagen nach Transplantation auftritt und die chronische GvHD, die später als 100 Tage nach Transplantation auftritt.

Die Erkrankung entsteht, weil neue fremde Immunzellen gebildet werden, die manchmal nicht die Zellen der Körpers als gute Zellen erkennen und sie deshalb bekämpfen.

Bei der akuten GvHD zeigt sich häufig Hautausschlag, der manchmal juckt und brennt. Auch die Leberblutwerte können ansteigen. Im Magen-Darm-Trakt zeigt sich eine akute Graft-versus-host Disease mit Durchfällen Übelkeit, Erbrechen und / oder Appetitlosigkeit. Um sicherzugehen, dass es sich um ein Transplantat- gegen-Wirt-Reaktion handelt, wird bei Verdacht eine Gewebeprobe entnommen. Bestätigt sich der Verdacht, wird mit einer Behandlung mit Kortison begonnen, die oft sehr wirksam ist.

Bei der chronischen Form dieser allergischen Reaktion können zusätzlich noch Augen, Gelenke und die Lunge betroffen sein. Auch hier wird mit Medikamenten versucht, die Nebenwirkungen so gering wie möglich zu halten.

Wieder Zuhause

Alle Kinder und Jugendliche freuen sich nach der Transplantation darauf, wieder nach Hause zu kommen. Doch es ist weiterhin sehr wichtig, auf verschiedene Dinge zu achten, um das Risiko, sich irgendwo anzustecken möglichst klein zu halten. Dazu zählen, dass man in keiner großen Menschenmenge sein sollte. Das sind Busse, Einkaufszentren, Konzerte. Falls es sich nicht vermeiden lässt, sollte der KMT-Patient einen Mundschutz tragen. Natürlich sollte kein Kontakt zu erkrankten Personen bestehen. Ganz besonders aufpassen muss man im Kindergarten und in der Schule.

Blumen sind zwar schön anzuschauen, können aber in der Erde viele Keime beherbergen. Daher sollten alle Pflanzen aus dem Zuhause verbannt werden. Auch bei Haustieren ist eine erhöhte Gefahr für Infektionen. Daher ist leider auch das Kuscheln mit Hund, Katze, Hase und anderen Haustieren verboten

Immer ins Krankenhaus gehen sollten KMT-Patienten, wenn sie Fieber über 38 º C bekommen, Schüttelfrost haben oder sich abgeschlagen fühlen. Auch bei Hautveränderungen, Blutungen und Durchfällen sollte immer ein Arzt den Patienten untersuchen. Natürlich auch dann, wenn es zu Problemen bei der Medikamenteneinnahme kommt, denn diese ist natürlich sehr wichtig.